Gemeinde Kals am Groglockner


Klein, aber fein: der Österreichische Alpenklub (ÖAK)

von Adi Mokrejs


Die Erzherzog-Johann-Hütte, auch bekannt als "Adlersruhe" gehört dem Österreichischen Alpenklub (ÖAK). Adi Mokrejs stellt dein kleinen, aber feinen Alpenclub vor!

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Gegründet wurde er am 6. Dezember 1878 in Wien, als Gegenstück zum britischen Alpine Club, und nach dessen Vorbild eine Vereinigung von Bergsteigern schärferer Richtung, welcher man nicht einfach beitreten kann: nach wie vor ist ein alpiner Leistungsnachweis und die persönliche Befürwortung durch zwei Klubmitglieder erforderlich. Eine Fügung der Geschichte platzierte diese Gründung in die glanzvollste Entfaltung der Donaumonarchie – zu dieser Zeit war Wien in jeder Hinsicht ein Gravitationszentrum ersten Ranges. In diesem Kraftfeld entstanden zahlreiche grundlegende Elemente des heutigen Alpinismus:

1862: Gründung des Österreichischen Alpenvereins (P.Grohmann, E.v. Moisiovich, G.v. Sommaruga)

1882: Erste Bergführer-Versicherung (auf Anregung des Alpenklubs)

1884: erster deutschsprachiger Spezial- Gebietsführer (Gesäuseführer von Heinrich Heß)

1885: erstes Handbuch für alpine Sicherheit („Die Gefahren der Alpen" von Emil Zsigmondy)

1894: erste Schwierigkeitsbewertung (Rax-Führer von F. Benesch, siebenstufige Skala)

1896: erscheint das grundlegende Theoriewerk des alpinen Skilaufes von Mathias Zdarsky

1896: Gründung des ersten Bergrettungsdienstes der Welt  („Alpiner Rettungsausschuß Wien") durch Keidel, Krempel und Kleinwächter. 

Beinahe alle der hier Genannten gehörten auch dem Alpenklub an.

Das Mitgliederverzeichnis jener ersten Epoche ist ein wahres „Who's who ?" des damaligen Alpinismus, z.B.: Karl Blodig, Edward  Theodore Compton, W.A.B. Coolidge, Hans Dülfer, Viktor Wolf v. Glanvell,  Heinrich Heß, Julius Kugy, Eugen Guido Lammer, Alfred v. Pallavicini, Heinrich Pfannl, Eduard Pichl, Ludwig Purtscheller, Friedrich Simony, G.W. Young, Emil Zsigmondy, und weitere Persönlichkeiten der Alpingeschichte, deren Namen oft in Form von Berg- und Hüttennamen ihren Niederschlag in der alpinen Geografie gefunden haben. Diese Epoche ist gekennzeichnet durch neue Entwicklungen wie die Betonung des führerlosen, selbständigen Bergsteigens, andererseits durch einen Konservativismus, vor allem in Bezug auf eine damals ohnehin dürftige Hakentechnik. Diese Hochblüte des Klubs datiert von 1880 bis zum Ersten Weltkrieg - und wurde durch diesen abrupt beendet.

Zwischenkriegszeit. Die materiellen Einschränkungen führten zur verstärkten Erschließung der jeweiligen Heimatgebirge der Klubmitglieder (z.b. Hochschwab, Gesäuse, Dachstein, Wilder Kaiser), bald aber auch wieder in die Dolomiten. In etlichen Neutouren wurde das Schwierigkeitsniveau der Freikletterei bis an den heutigen Siebenten Grad  herangeführt, die Verwendung von Haken aber in alter Klubtradition eher als notwendiges Übel angesehen. Am Wettstreit um die letzten großen unbegangenen Alpenwände waren ÖAK-Mitglieder erfolgreich beteiligt, empfand man dies doch als Vorstufe eines (für die Meisten unerreichbaren) Fernziels: die Teilnahme an einer Expedition in die Gebirge der Welt. Deren wenige, die während dieser schwierigen Zeit zustande kamen (Pamir, Kangchendzönga, Anden, Nanga Parbat), wurden Ereignisse von weitreichendem Wellenschlag. Einige herausragende Persönlichkeiten dieser Ära: Alfred Horeschowsky, Paul Bauer, Karl Prusik, Willo Welzenbach, Peter Aschenbrenner, Heinrich Harrer, Kurt Maix, Wastl Mariner, Eleonore Noll-Hasenclever, Hubert Peterka, Raimund Schinko, Luis Trenker, Fritz Wiessner.  

1938, nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten, mußte sich der Klub, um seiner Auflösung zu entgehen, dem Deutschen Alpenverein anschließen. 1946 wurde er von der Vereinsbehörde in seiner ursprünglichen Form wieder anerkannt. 

Hoch hinaus. 1946 bis 1950 - ein mühevoller Neubeginn. Eine ganze Alpinistengeneration im Zenith ihrer Fähigkeiten war vom Krieg um die Früchte ihres Strebens geprellt worden: vor allem die Teilnahme an „einer Expedition"- ein Begriff, der in den Fünfziger- und Sechzigerjahren von einem magischen Nimbus umgeben war. Der materielle Aufschwung  bescherte mit einer neuen Riege junger, qualifizierter Bergsteiger dem Klub ein neuerliches Hoch: sechs von den vierzehn Achttausendern der Erde wurden unter Beteiligung von ÖAK- Mitgliedern erstmals bestiegen! Nanga Parbat, 8125 m (H. Buhl), Broad Peak, 8047 m (K. Diemberger, H. Buhl, M. Schmuck), Lhotse, 8511 m (E. Reiss), Gasherbrum II, 8035 m (F. Moravec, S. Larch, H.Willenpart), Cho Oyu, 8153 m (H.Tichy, S. Jöchler) und Dhaulagiri,  8167 m (K. Diemberger), dazu noch die beiden nicht als selbständige Achttausender gelisteten Lhotse Shar und Yalung Kang. Derzeit sind insgesamt 126 Achttausender-Besteigungen durch Klubmitglieder zu verzeichnen. Mit den Erstbesteigungen von 33 der weltweit 210 Siebentausender machen ÖAK-Alpinisten ebenfalls gute Figur.

Als lebender Organismus unterliegt auch der ÖAK jedem gesellschaftlichen Wandel. Der Alpinismus, einst fast ausschließliche Domäne der Alpenländer, wurde parallel zur globalen Industrialisierung zum immer breiter gefächerten und weltweiten Lifestyle-Sport: Neben bayerischen Bergwanderern mit Wadlstutzen und Trenkerhut trifft man nun auf spanische und kasachische Achttausender-Multis, bolivianische oder pakistanische Bergführer, iranische Sportkletterinnen, nepalesische Bergrettungspiloten und isländische Mixed-Climber. Ein Verein mit dem elitären Anspruch und Gewicht des ÖAK seiner Gründungszeit wäre heute gar nicht denkbar. Obwohl die neue Wertschätzung eines „schlanken“ und fairen Alpinismus einer alten Klubtradition neuerliche Bestätigung liefert… Die Erosion herkömmlicher Institutionen, seien es Kirchen, Parteien, Gewerkschaften oder Vereine (die nun hauptsächlich als Serviceorganisation verstanden werden) macht auch vor diesem kleinen Klub (derzeit rund 330 Mitglieder) ohne materielle Anreize nicht halt. Ungeachtet einer personellen Konzentration im ostösterreichischen Raum (klar: bei Sitz in Wien) gehörten dem Alpenklub zu jeder Zeit zahlreiche Mitglieder aus den Bundesländern, sowie dem Ausland (rund 20 %) an. Und im Gegensatz zu ähnlichen hochkarärtigen alpinen Zirkeln war er nie ein knorriger, reiner Männerbund: derzeitiger Frauenanteil: rund 15 % .

Mit dem Großglockner ist der Alpenklub seit Anbeginn verbunden. Schon durch die  Erzherzog-Johann-Hütte, mit 3.454 m die höchstgelegene alpine Unterkunft Österreichs. Erbaut 1880 seither, immer wieder erweitert und renoviert, ist sie Stolz und Sorgenkind zugleich: nur eine Weltraumstation ist noch schwieriger zu erhalten. Nach insgesamt fünfzehn Jahren aufwendiger Sanierungsarbeiten infolge des auftauendenden Permafrostes, sowie der dringend nötig gewordenen Erneuerung der Seilbahnstütze am Blaukopf ist diesbezüglich eine gewisse Entspannung eingetreten - vorläufig zumindest: in dieser Extremlage multiplizieren sich die Anforderungen an jedes Material. Außer der Hütte gehören (ein rein ideeler „Besitz“) dem Österreichischen Alpenklub 118 m² der Glockner-Gipfelfläche sowie das Gipfelkreuz, entworfen von Friedrich Schmid, dem Erbauer des Wiener Rathauses (und Klubmitglied). Darüber hinaus ist der ÖAK über seine Mitglieder von Anfang an mit fast allen Routen an der alpinen Großglockner-Erschließung beteiligt: von Alfred v. Pallavicini über Richard Gerin und Willo Welzenbach bis Sepp Mayerl und Thomas Bubendorfer – selbst wenn viele Anstiege wegen des Eisrückganges bald nur mehr historischen Charakter haben.

Die Klubzeitschrift - die Österreichische Alpenzeitung (ÖAZ, seit 1879) - erschien während der ersten Jahre vierzehntägig, sodann im Monats-, und seit 1919 im Zweimonats-Rhythmus, unterbrochen nur durch eine kriegsbedingte Erscheinungspause von 1943 bis 1947. Nunmehr erscheint sie vierteljährlich. Sie ist nicht unbedingt der Musikdampfer der Alpinpresse: Schwarzweiß-Layout, seriös, informativ - nach heutigen Maßstäben also eher uncool - brachte und bringt sie immer wieder neben Erlebnisberichten und internen Nachrichten auch Chroniken und Monografien von bisweilen fast wissenschaftlicher Qualität.

Nach wie vor bleibt der Österreichische Alpenklub eine - Vereine und Nationalitätsgrenzen übergreifende - Gruppierung von guten bis außergewöhnlichen Bergsteigern und Bergsteigerinnen (u.a. Thomas Bubendorfer, Kurt Diemberger, Norman Dyhrenfurth, Simon Gietl, Peter Habeler, Dieter Hasse, Andy Holzer, Bruno Klausbruckner, Hanns und Lilo Schell, Pit Schubert, Lutz Maurer), die sich verbunden fühlen durch das Leitbild des Allroundalpinisten, der in seinem Tun auch ein geistiges Element findet, und darüber hinaus in Form vieler persönlicher Freundschaften. Aufnahmebedingungen sind die selbständige Ausführung schwieriger Bergfahrten in Fels und Eis als Seilerster, oder auch bemerkenswerte künstlerische, mediale oder wissenschaftliche Leistungen in Bezug zum Alpinismus. Der angepeilte Idealtypus des „fertigen" Alpinisten weist daher im allgemeinen ein gesetztes Alter auf, was dem Klub in mehrfacher Hinsicht seinen Grundcharakter verleiht: Alt – aber gut.


Bilder mit freundlicher Genehmigung des ÖAK


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