Gemeinde Kals am Groglockner


Alter alpiner Kulturraum

Romanen, Slawen, Baiern


Im Kalser Tal haben im Mittelalter Romanen, Slawen und Deutsche friedlich nebeneinander gerodet, gewirtschaftet und gelebt, was sich im Namenschatz des Tales noch heute deutlich zeigt, denn wir finden Namen romanischer (ladinischer), slawischer (altslowenischer) und deutscher (südbairischer) Herkunft. Diese Vielfalt betrifft nicht nur die Siedlungs- und Hofnamen, sondern auch die Flur-, Berg- und Gewässernamen. Damit zählt die Gemeinde Kals zu den namenkundlichbemerkenswertesten Regionen Österreichs.


Schon früh lenkte das Namenmaterial des Kalser Tals die Aufmerksamkeit der Wissenschaft auf sich. Bereits um die vorige Jahrhundertwende erschien der erste Beitrag zu diesem Thema von August Unterforcher „Die Namen des Kalserthales“ in der Zeitschrift des Ferdinandeums für Tirol und Vorarlberg, Jg. 43 (1899), S. 21-68. Im 20. Jahrhundert hat sich v.a. Maria Hornung der Mundart und dem Namengut der Gemeinde gewidmet, bis Karl Odwarka († 2010) damit bekannt wurde und in den 1980er Jahren damit begann, das Flurnamengut neu aufzunehmen, Danach lud er Willi Mayerthaler († 2002) zu dessen Interpretation ein und trafen im Juni 1986 zum ersten Mal zu einem namenkundlichen Symposium zusammen. Sie sahen dies damals eher als einen Meinungsaustausch unter Fachleuten im Zusammenhang mit einer geplanten Erhebung aller Kalser Flurnamen und deren systematischer Erforschung.

Karl Odwarka legte damals eine Liste mit einigen hundert Flurnamen aus den oberen Abschnitten des Kalser Tales (v.a. Dorfer und Ködnitz-Tal) vor, Heinz-Dieter Pohl ein Verzeichnis der gängigen Bergnamen. Dazu bereiteten sie einschlägige Vorträge vor und führten darüber hinaus interessante Gespräche, auch mit Einheimischen, und diskutierten über die Herkunft der Flurnamen und beschlossen unsere Ergebnisse zu publizieren, was mit dem „Kalser Namenbuch“ (2004) auch gelang. Somit fand 1986 das erste „Kalser Namenkundliche Symposium“ statt und vom 12.-15. Juni 2014 ist nun das 29. Symposium vorgesehen.

Ortskern Kals-Ködnitz

Erwähnt sei auch die Zusammenarbeit mit dem Nationalpark Hohe Tauern, der die Initiative zum namenkundlichen Führer „Die Bergnamen der Hohen Tauern“ (Heinz-Dieter POHL, hg. vom ÖAV) gesetzt hat.

Bekanntlich entstand in den Alpen eine eigene romanische Sprache, das Rätoromanische oder Ladinische; dieses ist in mehreren Varietäten vom Schweizer Kanton Graubünden („Bündner-romanisch“) über Südtirol („Ladinisch“) bis nach Friaul („Furlanisch“) verbreitet, hat aber keine einheitliche Schriftsprache entwickelt. Die seit dem 7. Jhdt. in den Alpen nachweisbaren Slawen sind Verwandte (z.T. auch Vorfahren) der heutigen Slowenen; deren nur aus Namen bekannte und erschließbare Sprache bezeichnet man (Alpenslawisch oder genauer) Altslowenisch. Diese entspricht weitgehend der in den „Freisinger Denkmälern“ (ältestes slawisches Denkmal in lateinischer Schrift überhaupt) verwendeten Sprache. Die deutsche Sprache der Region gehört zum Südbairischen (Teil des bairischen Großdialekts).

 


Man kann das Kalser Tal in drei Abschnitte teilen, die sich recht stark voneinander unterscheiden.

Abschnitt I im Norden:

Bestehend aus dem Dorfer-Tal und dem Teischnitz-Tal: Dieser zeigt die größte Diversität bei den Namen. Hier gibt es nur Almwirtschaft in einer Seehöhe von über 1600 Metern vom Frühjahr bis in den Herbst. 38% der Flurnamen dieses Abschnittes sind romanisch zu deuten (davon rund 8% eigentlich vorrömisch), 7% slawisch und 55% deutsch bzw. bairisch.

Abschnitt II:

Dieser ist das fruchtbare Becken im mittleren Teil des Tales (Großdorf, Ködnitz, Glor, Burg), wo vor allem zuerst Romanen und dann Baiern siedelten. Er hat daher einen Anteil von rund 33% Namen romanischer Herkunft (mit wenig Vorrömischem) und über 60% bairische Flurnamen, aber nur etwas über 2% slawische, meist in höheren Lagen.

Abschnitt III:

Dies ist der untere, südliche Teil des Tales mit seinen steilen Hängen, wo sich einst die meisten Siedlungen der Slawen befanden. Hier dominiert das Bairische mit einem Namenanteil von 65%, gefolgt vom Slawischen mit 20%. Hier findet man den geringsten romanischen Anteil, nur 15% (und kaum Vorrömisches).


Erst um 1500 scheint sich das Deutsche in den Abschnitten I und II endgültig durchgesetzt zu haben. Es ist unbekannt, wer vor den Romanen in Kals lebte, diese sind jedoch die älteste fassbare Schicht. Die Slawen erreichten Kals wohl frühestens im 7. Jhdt. und die Baiern wohl erst im 8./9. Jhdt., aber dennoch wurde dort Ladinisch bis gegen Ende des Mittelalters (vielleicht auch etwas länger) gesprochen, während das Slowenische im oberen Bereich des Tales schon früher ausgestorben bzw. im Kalser Ladinischen aufgegangen ist. Auf Grund von durchgeführtem und nicht stattgefundenem Lautwandel im Namengut der drei Sprachen des Tales können wir dies noch heute feststellen. Ein Beispiel: So weisen manche Namen slawischer Herkunft einen typisch romanischen Lautwandel auf, z.B. Ködnitz < slawisch *kqtьnica „Winkelbach“ (wie das benachbarte Glor < romanisch *angular „im Winkel gelegen“) und Foledischnitz < slawisch *volьja tiščьnica „Ort, wo man die Ochsen zusammendrängt“ bzw. „Ochsenpferch“. Beide Namen sind durch einen „romanischen Filter“ (Wandel -t- > -d- zwischen Selbstlauten) gegangen. Auch der erst relativ spät eingetretene Lautwandel von romanisch ca [ka] > ladinisch tscha [ča] ist fast ausnahmslos durchgeführt.
Romanischer Herkunft sind die Namen der Ortsteile Glor, Pradell und Elleparte, slawischer Herkunft sind Arnig, Ködnitz, Lesach, Peischlach und Staniska sowie der Name der Gemeinde Kals am Großglockner selbst. Der Name Lana kann sowohl deutscher als auch romanischer Herkunft sein, deutsch sind Großdorf, Berg, Burg und Haslach.

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